Die Prophezeiung des Lipo-Ninja

Der Po ist der neue Busen – daran hat der Plastische Chirurg Dr. Ali Saalabian keinen Zweifel. Ich sprach mit dem Arzt über Schönheitsideale und warum diese kommen und gehen.

Ich tauche gerne als fachfremde Gesprächspartnerin ins Nischenwissen und Nerdtum bestimmter Professionen ein – egal ob Musik, Medizin oder Mikrobiologie. Menschen, deren Augen zu glühen beginnen, wenn sie von ihrem Tun erzählen, die vollends in ihrem Spezialgebiet aufgehen, stecken mich mit ihrer Begeisterung für ihr Fach sehr leicht an. Schönheitsmediziner natürlich erst recht. Vor wenigen Wochen sprach ich mit einem Arzt, der sich auf dem Gebiet der Plastischen Chirurgie der menschlichen Silhouettenformung in ihrer ganzen Vielfalt verschrieben hat. Sein Werkzeug: Die Kanüle. Feind und gleichzeitig Freund: Das Fett. Mit Mundschutz und Ärztekittel, dem Spezialsauger in der Hand, feilt Dr. Ali Saalabian in Präzisionsarbeit an Körpern – da ist sein Spitzname, Lipo-Ninja, nicht weit hergeholt. Auf Instagram nennt er sich so, und eben dort wurde ich auch aufmerksam auf den umtriebigen Facharzt, der zwischen zwei Experten-Kongressen in Los Angeles und Südspanien Zeit für ein Interview fand. Mit in seinem Ärztekoffer: Eine frohe Botschaft an jene, deren Gesäßwölbung sich prächtig in die dritte Dimension entfaltet. Wer also mit einem ausladendem Hinterteil gesegnet ist, darf sich hiermit von mir beglückwünscht fühlen – mein Neid sei mit Dir!

Das Zeitalter des Pos ist angebrochen und es schwabbt nun unaufhaltsam von Übersee in unsere Breitengrade: „Momentan der größte Trend ist die Gesäßformung. In Amerika und Südamerika dreht sich alles um das Gesäß. Brust war Pamela Anderson, 90er-Jahre, jetzt konzentriert sich alles auf die Körpermitte. Bei Po-Formung denkt jeder an Kim Kardashian, darum geht es aber gar nicht“, erklärt Dr. Saalabian. Vielmehr wolle man eine Umverteilung des Volumens erreichen: „Die Hourglass-Shape ist jetzt ‘in’, bei der die Oberweite in etwa dem Beckenumfang entspricht und die Taille schmal ist. Die Proportionen müssen stimmen und es müssen Kurven da sein.“ Das klingt nach einem Körperideal, welches sich weniger an Konfektionsgrößen orientiert als an den individuellen Gegebenheiten der Figur des Patienten. „Das Geheimnis sind die Proportionen. Man darf nicht das eine isoliert betrachten, es muss immer stimmig zum gesamten Rest sein“ sagt Saalabian. Immer mehr Frauen treten mit dem konkreten Wunsch nach einer Sanduhr-Silhouette an ihn heran:„Interessant ist es für die Patientinnen, die am unteren Rücken, in den Flanken etwas zu viel Fettgewebe haben, wo der Übergang zum Gesäß fehlt. Wenn ich da früher nur abgesaugt habe, konnte ich nur an einem Segment etwas ändern, ich konnte nur eine Vertiefung erreichen. Wenn ich jetzt das Fettgewebe nütze und an den richtigen Stellen einbringe, kann ich auf einmal in einer weiteren Dimension arbeiten und das ganze noch viel mehr formen. Das gibt jemandem, der Körperformungen macht, auf einmal ein ganz anderes Level.“ Dass der gängige Begriff ‘Fettabsaugung’ bald von Wörtern wie ‘Liposculpture’ oder ‘Bodycontouring’ verdrängt werden könnte, liegt nahe. „Es gibt fast keine Liposuktion mehr, wo man das Fett nicht mehr für eine andere Stelle verwendet“, resümiert er die neue Entwicklungen in seinem Spezialgebiet.

Er selbst beobachtet die Strömungen aus den Vereinigten Staaten mit einem neugierigen und einem kritischen Auge: „Die Südamerikaner und Amerikaner sagen immer, dass sie uns Europäern, was Körperformung anbelangt, um Jahre voraus sind. Deswegen kommen viele Trends immer zuerst dort auf den Markt und werden bis zum Geht-nicht-mehr durchgeführt – was für uns sehr gut ist! Wir übernehmen diese Trends erst dann, wenn die ersten Kinderkrankheiten schon weg sind.“ Safety ist und bleibt ein großes Thema: „Als seriöser Plastischer Chirurg ist Sicherheit immer das oberste Gebot.“

Dr. Ali Saalabian, Facharzt für Plastische Chirurgie im Kuzbari Zentrum für Ästhetische Medizin  (Foto: Kuzbari)

Aber zurück zum Gesäß. Auch wenn ich selbst in den vergangenen Jahren einen neuen Booty-Neid entwickelt habe – daran ist zweifelsohne die Familie mit den vielen K’s schuld – kann ich mir nur schwer vorstellen, dass der Brazilian Butt-Lift auch in Europa zu einem gefragten Eingriff werden könnte. Schließlich weicht das hier vorherrschende Ästhetikverständnis deutlich von dem amerikanischen und südamerikanischen ab. Wird sich der Po also auch bei uns durchsetzen, Dr. Saalabian? „Das glaube ich schon, nur abgemildert. Genau das gleiche war mit der Brust vor vielen Jahren. Da hat man auch gedacht: ‘Unmöglich bei uns! Silikon? Das wird sich bei uns niemand machen lassen!’ Diese Diskussion gab es vor 15, 20 Jahren. Jetzt ist es eigentlich schon Alltag und nichts besonderes mehr. Es ist moderat abgemildert zu dem, was es in den USA war und ich glaube mit dem Gesäß wird es genau das gleiche werden. Das Übertriebene – egal ob es das Gesicht ist, die Nase, die Brust – wird bei uns nie gefragt sein, aber ich bin mir sicher, dass in den nächsten fünf Jahren die Gesäßformung deutlich zunehmen wird bei uns.“  Die Betonung liegt hierbei auf Formung, denn nur selten polstert er den Po mit Fett auf: „Ich mache die meisten Po-Formungen, ohne dass ich Fett einbringe.“ Aber wie dann? „Indem ich in der Umgebung um das Gesäß eine Fettabsaugung mache, so dass ich das Gesäß besser betone, dass es straffer, sportlicher ausschaut“, erklärt mir Dr. Saalabian.

Kunst vs. Künstlichkeit.
Ich selbst habe bisher non-invasiven Körperformungsmethoden den Vorzug gegeben habe – sei es Kryolipolyse oder die gute alte Spanx – dennoch spiele ich manchmal mit dem Gedanken einer großflächigeren Korrektur meiner Problemzonen. Wie sich die Liposuktion von Fett-Weg-Methoden wie Coolsculpting in Bezug auf Körperformung unterscheidet, erklärt mir Saalabian sehr bildhaft: „Fettabsaugung kann man sich vorstellen wie einen feinen Pinsel, mit dem man etwas Schönes malen kann. Damit kann man an jeder Stelle mal mehr mal weniger, man kann über eine ganze Fläche arbeiten und ähnliches. Alle anderen Sachen arbeiten quasi zweidimensional. Ich kann eine Wand flächig anmalen, aber nicht detaillierte Sachen rausbekommen.“  Wie viel künstlerische Finesse sein Handwerk verlangt, wird mir aber erst bewusst, als Saalabian von High Definition Absaugungen zu sprechen beginnt. Dabei handelt es sich um das Herausarbeiten von Muskelansätzen an athletischen, trainierten Körpern: „Da kann ich mit den Kanülen zwischen den Muskeln Vertiefungen formen, so dass Licht und Schatten besser aufeinander fallen“. Chiaroscuro am Körper, denke ich mir, Caravaggio hätte Gefallen daran gefunden.

Von künstlichen Lösungen wie Implantaten an Bauchmuskeln oder Gesäß hält Saalabian selbst nicht viel und beobachtet auch ein allgemeines Umdenken in der Branche. Die Ergebnisse von Sixpack-Kissen oder Silikonimplantaten am Po lassen langfristig zumeist doch zu wünschen übrig. Auf dem Gebiet der Körperformung hat sich in jüngster Vergangenheit einiges getan. Das sei aber nicht dem technischen Fortschritt geschuldet, sondern die Arbeitsweise sei eine andere, sagt Saalabian: „Man will die Sachen, die anatomisch da sind, besser zur Geltung bringen. Das ist auch ein Trend, der immer mehr wird und wo man immer besser wird. Die Gerätschaften haben es nicht ausgemacht, dass es besser geworden ist, sondern einfach die Techniken und die Denkweise an sich. Dass man bei der Körpermotivierung auf die Anatomie achtet: Wo sind die Muskeln und wo kommen sie her?“  Es sind also viele Faktoren, die dem Plastischen Chirurgen bei der Körperformung abverlangt werden – von der medizinischen Expertise über den gelungenen Kommunikationsaustausch mit dem Patienten bis zum ästhetischen Gespür für Proportionen.

Die Sanduhr-Silhouette wird – wenn Dr. Saalabian Recht behält – das weibliche Schönheitsideal in den kommenden Jahren stark prägen. Aber auch das Körperbild unterliegt Moden, und dass irgendwann der gegenwärtige Fokus auf die Körpermitte von einem neuen Trend abgelöst wird, daran hat er auch keinen Zweifel: „Es gibt immer Rolemodels, es gibt immer gewisse Zeiterscheinungen, wo etwas einen Hype hat und dann flacht es wieder ab. Jede Dekade ändert sich das wieder und dann wiederholen sich Trends.“  Verunsichern lassen sollte sich also von Schönheitsidealen niemand: So wie Stil jeden Hype überdauert, kommen ausgewogene Proportionen im Strudel der Trends niemals aus der Mode. Und die Akzeptanz des eigenen Körpers – mit oder ohne üppigem Booty – sowieso.